Begrifflichkeiten

04.07.2017

Unschwer zu erkennen: Es geht in diesem Blog um Borderline. Eine Persönlichkeitsstörung also. Und damit stecke ich auch schon mitten drin im Thema. Ich kann nämlich absolut nichts damit anfangen, mich - und all die anderen Betroffenen, die ich im Laufe der letzten Jahre kennenlernen durfte - als gestörte Persönlichkeiten zu bezeichnen.
Ein Vater, der sich nicht auf das Kochen konzentrieren kann, weil seine kleine Tochter ihm Tennisbälle zwischen die Füsse wirft und der Hund auch noch Durchfall hat, das ist eine gestörte Persönlichkeit. Oder eine Anwältin, deren Telefon während eines wichtigen Gesprächs ständig klingelt. Der Papst, dessen Kardinäle ihm beim Frühstück pausenlos dazwischenbeten. Die Queen, die beim Sonnen im Bikini von Fotografen überrascht wird.
Allesamt gestörte Persönlichkeiten. Gestört in irgendwas, was sie gerade gerne tun würden oder tun müssen, aber aufgrund äusserer Umstände nicht oder nicht richtig können (es können natürlich auch innere Umstände sein; mit Muskelkrämpfen schwimmt es sich zum Beispiel ganz schlecht).
Aber die Damen und Herren Psychiater, die ICD und DSM (das amerikanische Vorbild) mit Definitionen füllen, haben wahrscheinlich nicht an die Queen im Bikini gedacht. Oder an den kochenden Vater (gut, an den vor Wut Kochenden vielleicht). Die dachten wahrscheinlich an Menschen mit einer etwas zu ausgeprägten Stimmungsflexibilität und dem chronischen Drang, allerlei Zwischenmenschliches gehörig in den Sand zu setzen. An Menschen wie mich. An Menschen wie meinen besten Freund. An Menschen wie die Mädels aus der DBT-Gruppe, die ich besucht habe. An Menschen wie Max Mustermann (das ist der Typ mit den drei Millionen Kredit- und Kundenkarten). An Menschen eben, die einfach bloss in manchen Bereichen mehr Schwierigkeiten haben als andere. In manchen Bereichen. Das macht nicht gleich den ganzen Menschen schwierig.
Dabei ist die Störung an sich weniger das Problem. Denn wie die genervte Anwältin und der frühstückende Papst werden auch wir Borderliner immer wieder gestört. Weniger von betenden Kardinälen wahrscheinlich, sondern von uns selbst. Ohne Leidensdruck keine Diagnose, wie es so schön heisst, und dieser Leidensdruck lässt nicht lange auf sich warten, wenn man gerade seinen Rechner aus dem (geschlossenen!) Fenster geworfen hat, weil man sich im Passwort vertippt hat. Du unfähiges Stück Exkrement! Wie blöd kann man denn sein? Kannst du dir überhaupt noch die Schuhe zubinden oder brauchst du schon Klettverschlüsse? Das liest sich jetzt vielleicht ganz witzig, ist aber leider kalte Realität. Ich habe zwar meinen Rechner noch nie aus dem Fenster geschmissen (auch nicht aus dem offenen), dafür aber gegen die Wand geboxt, bis meine Knöchel geblutet haben, weil mir ein Teller aus der Hand gerutscht ist. Dabei ist der, im Gegensatz zu meiner Hand, nicht mal kaputtgegangen.
Diese Sache mit der unzureichenden oder gleich ganz fehlenden Emotionsregulation ist schon etwas, das stört. Die Hochspannung sowieso. Die Leere auch. Und die unerträgliche Angst davor, verlassen zu werden und gleichzeitig keinen Menschen im Umkreis von hier bis zum Äquator ertragen zu können (wer gerade am Äquator ist: für eine stimmige Metapher durch Nordpol ersetzen).
Aber, und das ist der springende Punkt: Das sind innere Faktoren, durch die unsere Persönlichkeiten gestört werden. Nur sind sie es nicht. Den Schwimmer mit Muskelkrämpfen würde schliesslich auch niemand als beingestört bezeichnen, weil seine Beine gerade gestört werden (eine Borderlinekrise fühlt sich übrigens auch ein bisschen wie Ertrinken an).
So. My two cents.

Übrigens, weil ich ja ständig von Borderline schreibe: Diesen Begriff halte ich für ziemlich treffend, wenn man ihn denn wörtlich übersetzt (was bei anderen Anglizismen eher zu vermeiden ist). Ich fühle mich tatsächlich, als bewegte ich mich ständig auf einer Grenzlinie. Auf einem dünnen Drahtseil, gerade erst die Balancierstange zusammenbauend und noch nicht wirklich im Gleichgewicht, und ein einziger Windstoss genügt, um mich ins eine oder ins andere Extrem zu stürzen. Ins Schwarz oder ins Weiss, und auch wenn sich das Weiss immerhin eine gewisse Zeit lang absolut grandios anfühlt, folgt irgendwann der Aufprall. Der ist dann etwas weniger grandios.
Leider stimmt auch hier meine eigene Definition nicht mit derjenigen überein, die der Erfinder des Begriffs dafür hatte. Das war der amerikanische Psychoanalytiker Adolph Stern (im Jahr 1938), und er kam darauf, weil er unsere Persönlichkeitsausprägungen für eine Grenzlinie zwischen Neurose und Psychose hielt. Ein Mittelding also zwischen Nervenerkrankungen und solchen des Geistes. Klingt jetzt auch noch so wahnsinnig nett. Ist aber, im Gegensatz zur Persönlichkeitsstörung, mittlerweile überholt.
Merke: Borderline bedeutet, von gewissen inneren Faktoren gestört zu werden. Nicht, als Person gestört zu sein. Wäre dies der Fall, dann wäre jeder Versuch, etwas zu verändern, relativ sinnlos. Kein Therapeut der Welt kann die Persönlichkeit seines Patienten verändern (vom Einsatz gewisser Substanzen mal abgesehen, aber das geht auch ohne Therapie. Die kommt erst danach - wenn danach noch was kommt). Aber an diesen inneren Faktoren kann man arbeiten. Das ist anstrengend, mühsam und braucht unheimlich viel Geduld und Durchhaltevermögen, aber es geht. Immer besser sogar. Und irgendwann wird die Persönlichkeit nicht mehr von diesen Faktoren gestört. Ob man das dann Heilung nennt? Keine Ahnung. Für heute reicht es aber auch mit den Begrifflichkeiten.

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