Begrifflichkeiten
Unschwer zu erkennen: Es geht in diesem Blog um Borderline.
Eine Persönlichkeitsstörung also. Und damit stecke ich auch schon mitten drin
im Thema. Ich kann nämlich absolut nichts damit anfangen, mich - und all die
anderen Betroffenen, die ich im Laufe der letzten Jahre kennenlernen durfte -
als gestörte Persönlichkeiten zu bezeichnen.
Ein Vater, der sich nicht auf das Kochen konzentrieren kann, weil seine kleine
Tochter ihm Tennisbälle zwischen die Füsse wirft und der Hund auch noch Durchfall
hat, das ist eine gestörte Persönlichkeit. Oder eine Anwältin, deren Telefon
während eines wichtigen Gesprächs ständig klingelt. Der Papst, dessen Kardinäle
ihm beim Frühstück pausenlos dazwischenbeten. Die Queen, die beim Sonnen im
Bikini von Fotografen überrascht wird.
Allesamt gestörte Persönlichkeiten. Gestört in irgendwas, was sie gerade gerne
tun würden oder tun müssen, aber aufgrund äusserer Umstände nicht oder nicht
richtig können (es können natürlich auch innere Umstände sein; mit
Muskelkrämpfen schwimmt es sich zum Beispiel ganz schlecht).
Aber die Damen und Herren Psychiater, die ICD und DSM (das amerikanische
Vorbild) mit Definitionen füllen, haben wahrscheinlich nicht an die Queen im
Bikini gedacht. Oder an den kochenden Vater (gut, an den vor Wut Kochenden vielleicht).
Die dachten wahrscheinlich an Menschen mit einer etwas zu ausgeprägten
Stimmungsflexibilität und dem chronischen Drang, allerlei Zwischenmenschliches
gehörig in den Sand zu setzen. An Menschen wie mich. An Menschen wie meinen
besten Freund. An Menschen wie die Mädels aus der DBT-Gruppe, die ich besucht
habe. An Menschen wie Max Mustermann (das ist der Typ mit den drei Millionen
Kredit- und Kundenkarten). An Menschen eben, die einfach bloss in manchen
Bereichen mehr Schwierigkeiten haben als andere. In manchen Bereichen. Das macht
nicht gleich den ganzen Menschen schwierig.
Dabei ist die Störung an sich weniger
das Problem. Denn wie die genervte Anwältin und der frühstückende Papst werden
auch wir Borderliner immer wieder gestört. Weniger von betenden Kardinälen
wahrscheinlich, sondern von uns selbst. Ohne Leidensdruck keine Diagnose, wie
es so schön heisst, und dieser Leidensdruck lässt nicht lange auf sich warten,
wenn man gerade seinen Rechner aus dem (geschlossenen!) Fenster geworfen hat,
weil man sich im Passwort vertippt hat. Du
unfähiges Stück Exkrement! Wie blöd kann man denn sein? Kannst du dir überhaupt
noch die Schuhe zubinden oder brauchst du schon Klettverschlüsse? Das liest
sich jetzt vielleicht ganz witzig, ist aber leider kalte Realität. Ich habe
zwar meinen Rechner noch nie aus dem Fenster geschmissen (auch nicht aus dem
offenen), dafür aber gegen die Wand geboxt, bis meine Knöchel geblutet haben,
weil mir ein Teller aus der Hand gerutscht ist. Dabei ist der, im Gegensatz zu
meiner Hand, nicht mal kaputtgegangen.
Diese Sache mit der unzureichenden oder gleich ganz fehlenden Emotionsregulation
ist schon etwas, das stört. Die Hochspannung sowieso. Die Leere auch. Und die
unerträgliche Angst davor, verlassen zu werden und gleichzeitig keinen Menschen
im Umkreis von hier bis zum Äquator ertragen zu können (wer gerade am Äquator
ist: für eine stimmige Metapher durch Nordpol ersetzen).
Aber, und das ist der springende Punkt: Das sind innere Faktoren, durch die
unsere Persönlichkeiten gestört werden.
Nur sind sie es nicht. Den Schwimmer
mit Muskelkrämpfen würde schliesslich auch niemand als beingestört bezeichnen,
weil seine Beine gerade gestört werden (eine Borderlinekrise fühlt sich übrigens
auch ein bisschen wie Ertrinken an).
So. My two cents.
Übrigens, weil ich ja ständig von Borderline
schreibe: Diesen Begriff halte ich für ziemlich treffend, wenn man ihn denn
wörtlich übersetzt (was bei anderen Anglizismen eher zu vermeiden ist). Ich
fühle mich tatsächlich, als bewegte ich mich ständig auf einer Grenzlinie. Auf einem
dünnen Drahtseil, gerade erst die Balancierstange zusammenbauend und noch nicht wirklich im Gleichgewicht, und ein einziger Windstoss genügt, um mich ins eine oder ins
andere Extrem zu stürzen. Ins Schwarz oder ins Weiss, und auch wenn sich das
Weiss immerhin eine gewisse Zeit lang absolut grandios anfühlt, folgt
irgendwann der Aufprall. Der ist dann etwas weniger grandios.
Leider stimmt auch hier meine eigene Definition nicht mit derjenigen überein,
die der Erfinder des Begriffs dafür hatte. Das war der amerikanische
Psychoanalytiker Adolph Stern (im Jahr 1938), und er kam darauf, weil er unsere
Persönlichkeitsausprägungen für eine Grenzlinie zwischen Neurose und Psychose hielt.
Ein Mittelding also zwischen Nervenerkrankungen und solchen des Geistes. Klingt
jetzt auch noch so wahnsinnig nett. Ist aber, im Gegensatz zur
Persönlichkeitsstörung, mittlerweile überholt.
Merke: Borderline bedeutet, von gewissen inneren Faktoren gestört zu werden.
Nicht, als Person gestört zu sein. Wäre dies der Fall, dann wäre jeder Versuch,
etwas zu verändern, relativ sinnlos. Kein Therapeut der Welt kann die Persönlichkeit
seines Patienten verändern (vom Einsatz gewisser Substanzen mal abgesehen, aber
das geht auch ohne Therapie. Die kommt erst danach - wenn danach noch was
kommt). Aber an diesen inneren Faktoren kann man arbeiten. Das ist anstrengend,
mühsam und braucht unheimlich viel Geduld und Durchhaltevermögen, aber es geht.
Immer besser sogar. Und irgendwann wird die Persönlichkeit nicht mehr von
diesen Faktoren gestört. Ob man das dann Heilung
nennt? Keine Ahnung. Für heute reicht es aber auch mit den Begrifflichkeiten.