Hilfe annehmen

06.07.2017

Donnerstag ist Therapietag. Gut, dass heute Donnerstag war. Nicht, dass ich mich besonders schlecht gefühlt hätte. Ich habe mich schlicht gar nicht mehr gefühlt. Gedanken waren da, das sind sie immer. Aber meine Gefühe habe ich bloss von aussen beobachtet. Als seien sie der Film auf einer Leinwand, vor der ich sass; sichtbar, unbestreitbar da, aber nicht spürbar. Ein etwas zu homogenes Gemisch aus Sehnsucht, Traurigkeit, Euphorie und Unsicherheit. Kenne ich eigentlich. Nur schien es mir heute, als sei das alles nicht für mich bestimmt. Gut, dass heute Donnerstag war. Weil am Donnerstag ganze neunzig Minuten für mich bestimmt sind. Manchmal auch etwas mehr. Meistens etwas mehr. Sie verdienen diese Zeit auch, hat meine Therapeutin vor ein paar Monaten zu mir gesagt, als wir wieder einmal in der Nachspielzeit landeten und darüber lachen mussten. Das war ein ganz wunderbarer Satz. Noch vor knapp zwei Jahren war es nämlich so, dass ich die Zeit vor allem brauchte. Dass man sich Sorgen um mich machte und mich ungern gehen liess. Und ich genoss das. Sorge bedeutet Aufmerksamkeit, bedeutet Gesehenwerden.
Mittlerweile macht sich meine Therapeutin keine Sorgen mehr um mich. Auch heute nicht. Und das ist gut so. Es passiert gerade sehr viel, ja. Seit längerer Zeit schon, und seit etwa einem Monat noch einmal ganz besonders. Aber es ist lange her, seit ich zum letzten Mal das Gefühl hatte, eine emotional schwierige Situation nicht auszuhalten. Daran zu zerbrechen. Nein, so schnell falle ich nicht mehr in mir zusammen. Die Kartenhauszeiten sind vorbei. Das Fundament steht, auch wenn's gerade stürmisch ist in meinem Inneren. Wie das ging? Das frage ich mich manchmal selbst. Heute ist manchmal. Und als ich die Praxis verliess und wieder einen Zugang zu mir hatte, mich ruhiger fühlte nach den für mich bestimmten neunzig Minuten, die heute sogar neunundneunzig waren, wurde mir klar, dass meine Stabilität viel damit zu tun hat, dass ich Hilfe mittlerweile annehmen kann. Wirklich annehmen. Früher sass ich ein oder zwei Stunden pro Woche in einer Praxis (nie lange in derselben), damit man mich in Ruhe liess. Ich bin doch in Therapie. Seht ihr? Ich tue doch was. An guten Tagen konnte ich mich damit sogar selbst belügen. Ich ändere doch schon etwas. Ich gehe ja regelmässig da hin. Dass es nicht so schnell geht, ist doch wohl klar. Das hat etwas minim Groteskes, wenn man den letzten Satz der Selbsttäuschung denkt, während man bereits den ersten Bissen der Selbstbetäubung runterschluckt. Das ist das tolle an psychiatrischen Praxen in Zürich: Im Umkreis von etwa fünf bis zehn Geh- oder Tramminuten findet sich immer ein Lebensmittelgeschäft. Aber auch diese Zeiten sind vorbei. Die Geschäfte sind natürlich noch da. Jetzt sogar gleich eine Tür weiter. Aber ich brauche die Essanfälle nicht mehr. Die Bulimie hat ausgedient. Seit über neun Monaten schon. Und weil ich mich selbst nicht mehr unter Bergen von Essen begrabe, schaffe ich es immer besser, mich auf Schwieriges einzulassen. Wirklich, nicht bloss an der Oberfläche. Darüber reden, nicht nur davon erzählen. Heute auch. Dann nämlich - und nur dann - kann meine Therapeutin mir helfen. Mit mir gemeinsam einen Weg suchen, mir selbst wieder näher zu kommen. Gehen muss ich ihn dann alleine. Und auch das ist gut so.

Übrigens, weil das noch gesagt werden muss: Hilfe annehmen geht nur, wenn auch Hilfe da ist. Echte Hilfe. Gute Hilfe. Jemand, der weiss, was er tut. Jemand, bei dem die Chemie stimmt. Jemand, dem man vertrauen kann, will und darf. Ist nämlich nicht selbstverständlich, sich selbst das Vertrauen zu erlauben.
Also, kleine Checkliste gefällig?
Nicht nur wichtig, sondern unumgänglich ist die eigene Bereitschaft, die Hilfe, die da ist, auch anzunehmen. An sich zu arbeiten, so weh es auch tut. So beängstigend, aufwühlend, fordernd und manchmal beschämend es auch ist. Wenn der Mensch auf dem Patientenstuhl nicht will oder nicht wollen kann, hat der Mensch auf dem Therapeutenstuhl keine Chance.
Die zweite Unumgänglichkeit ist ein Gegenüber, das versteht, zuhört, ernstnimmt, wertschätzt, akzeptiert und mir mit Echtheit, Mitgefühl ohne Mitleid und ganz viel Menschlichkeit begegnet (und, in meinem Fall auch sehr wichtig: mit Humor). Und eine gehörige Portion an intellektuellem und empathischem Wissen ist auch nicht ganz irrelevant (wobei mir ein toller Mensch ohne Ahnung immer noch lieber wäre als ein fachliches Genie mit dem Einfühlungsvermögen eines Schnürsenkels). Eine wirklich gute Therapeutin also (oder ein wirklich guter Therapeut natürlich). Riesiges Glück für mich: Ich habe zwei davon. An dieser Stelle, falls Sie das hier lesen sollten: Danke. Muss auch mal gesagt sein. Therapeuten leben zwar davon, Anderen ihre Hilfe anzubieten. Aber Anderen auch wirklich zu helfen, das ist nicht so selbstverständlich, wie man vielleicht meint. Und wahrscheinlich auf eine andere Art genauso viel Arbeit, wie diese Hilfe anzunehmen.

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