Öffentlichkeitsarbeit

11.07.2017

Da trifft man einen Menschen nach fast neun Jahren zum ersten Mal wieder und stellt fest, dass sich gewisse Dinge nie ändern. Humor zum Beispiel. Über denselben Mist lachen können. Oder gewisse Denkweisen, politische, humanitäre, gesellschaftliche. Das ist schön. Weil sich auch nichts daran verändert hat, dass wir miteinander reden können. Diskutieren, debatieren, rumalbern. Den ganzen Abend lang. Während die Anderen am Tisch über Weine, Restaurants und Urlaub sprechen. Und dann, irgendwann in einer ruhigen Minute, fällt mir auf, dass etwas doch anders ist als damals. Damals hatte ich meine Essstörung noch, von der besagter Mensch bis anhin nichts wusste. Aber das ist Nebensache. Hauptsache ist eher, was ich damals noch nicht hatte: Borderline. Oder vielmehr die Diagnose. Den ganzen Rest wahrscheinlich schon, hat sich nur unter den Bergen von Essen nicht so gezeigt. Und nun? Es ist für unser Gespräch komplett irrelevant. Aber für mich nicht, wie ich feststelle. Denn ich spüre ihn, den Dämon in mir, der mir diesen so schönen Abend kaputtreden will. Lach nur, sei fröhlich, trag deine Maske. Sei, wie sie dich haben wollen. Aber zeig bloss nicht, wie du wirklich bist. Wie gestört. Wie unnormal. Wie unausstehlich, wie instabil, wie kaputt. So will dich niemand! So hast du es nicht verdient, zu existieren. Und plötzlich fällt mir das Lachen schwer. Fällt das Sprechen schwer. Fällt das Atmen schwer. Fällt es schwer, an diesem Tisch zu sitzen mit all den Menschen, die keine Ahnung davon haben. Von Borderline. Es fällt schwer, ihnen etwas vorzuspielen. Denn in diesem Moment ist mein Lachen nur noch gespielt. Wie eine sorgfältig ausgewählte Maske. Sie passt auf der Aussenseite, man ist allgemein ganz entzückt von ihrem Anblick. Auf der Innenseite drückt sie ganz gewaltig. Aber ich wage es nicht, sie abzunehmen. Was sollte ich schon tun? Mal eben verkünden, dass mein Dachschaden mittlerweile getauft wurde und nun, da ich meine Freizeit nicht mehr der Kloschüssel widme, auch so richtig hübsch zum Vorschein kommt? In schwachen Momenten wäre die Vorstellung verlockend, zugegeben. Aber ich lasse es dann doch bleiben. Weil ich einfach nicht möchte, dass sie alle davon erfahren. Ist immerhin mein Dachschaden, und mit jedem will ich darüber nun auch nicht reden. Gleichzeitig aber finde ich es traurig, dass ich mir solche Gedanken überhaupt mache. Machen muss vielleicht. Hätte ich mir das Bein gebrochen und sässe mit Gips am Tisch, hätte ich wahrscheinlich auch nicht versucht, meine Extremitäten zu verstecken. Ein Beinbruch ist gesellschaftstauglich. Verdrehte Synapsen sind es nicht. Obwohl das, was mein Hirn so produziert, irgendwie auch unter Extremitäten läuft.
Nun denn. Irgendwann verabschieden wir uns, und besagter Mensch, den ich so lange nicht gesehen habe, bietet an, mich nach Hause zu fahren. Es sind nur fünf Minuten. Aber es werden fünfzig daraus. Und aus dem Lachen ein ernstes Gespräch. Dieser Mensch hat selbst so seine Geschichte. Wusste ich nicht, dachte ich mir aber. Und dann entscheide ich, es doch zu tun. Mich zu outen. Wir sprechen gerade darüber, warum ich mein Studium abgebrochen habe. Durchatmen. Es passt! Komm schon. Raus damit. Weil ich während der Zeit in der Klinik gemerkt habe, dass es nicht das ist, was ich will. Klinik? Ja, Klinik. Wegen Bulimie, eigentlich. Oh. Hätte ich bei dir nicht gedacht. Tja, und ich hätte nicht gedacht, dass das nicht alles ist. Nicht? Nein. In der Klinik kam nämlich raus, dass Borderline dahinter steckt. 

Schweigen.

Zögern.

Mut fassen.

Sowas fragt man doch nicht?

Trotzdem.

Borderline? Ist das nicht die Sache mit dem... Ritzen? Jein. Muss nicht. Kann aber. Bei mir schon, ja. Aber eigentlich geht es um viel mehr.

Und dann erzähle ich, was Borderline sonst noch so ist, und der Mensch hört zu. Wirklich. Traut sich kaum, nachzufragen. Tut es dennoch. Nie respektlos. Nur um des Verstehens Willen. Du musst nicht darüber reden... Ich weiss. Aber ich will es. Nicht therapeutisch. Es ist mir nur wichtig, dass ein Mensch mehr versteht, was Borderline wirklich ist. Dass ein Mensch mehr alte Vorurteile abbaut und neue nicht entstehen lässt. Dieser Mensch kann das. Was ich kann: darüber reden. Offen. Ohne Maske und ohne zu viel Offenbarung. Dies ist nur ein Gespräch unter Menschen, die sich gut verstanden und nun sogar noch besser. Wir werden keine neun Jahre mehr warten bis zum nächsten Gespräch. Bei dem ich dann auch die Maske nicht mehr brauche.

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