Shadowfax

04.07.2017

Ja, Shadowfax. So heisst dieses atemberaubend schöne, temperamentvolle, starke Pferd, das der Zauberer Gandalf in Lord of the Rings reitet.
"He's the lord of all horses, and has been my friend through many dangers", wie Gandalf mit einem Blick voller Respekt, Wertschätzung und Liebe sagt, als der grosser Schimmel vor ihm steht.
Aber Shadowfax hat auch seine Schattenseiten. Er ist so gross und so stark, dass kein Mensch ihn zähmen konnte. Selbst für die Rohirrim, die in engem Kontakt mit ihren Pferden lebten, war er zu wild. Zu ungestüm. Zu unkontrollierbar. Zu gefährlich.

Ein solches Pferd trage ich in mir. Stark, höchstsensibel, schreckhaft, misstrauisch, ständig zur Flucht bereit und durch seine immense Kraft nicht ungefährlich. Aber dieses Pferd ist auch anmutig, stolz, stark und unheimlich schnell. Dieses Pferd ist Borderline. Und es ist nicht besser oder schlechter als die ruhigeren Gemüter, die gesunde Menschen in sich haben. Ich muss nur sehr viel besser reiten können, um mich selbst nicht in Gefahr zu bringen. Das zu lernen, das bedeutet Anstrengung. Schmerz. Resignation. Wut. Hoffnungslosigkeit. Verzweiflung. Stürzen, immer und immer wieder. Angst vor dem Schmerz und Angst vor allem, was das Pferd zur Flucht veranlassen könnte. Angst vor dem Leben.
Ich weiss nicht mehr, wie oft ich gestürzt bin. Wie oft ich kurz davor war, aufzugeben. Einfach am Boden liegen zu bleiben, weil es zu viel Kraft kostete, wieder aufzustehen. Es wäre so viel leichter gewesen. Aber die Angst wäre geblieben. Und grösser geworden. Einschränkender. Besitzergreifender. Das war nicht das Leben, das ich mir wünschte in Zeiten, in denen ich mir noch ein Leben wünschte. Ich konnte nicht anders. Ich musste wieder aufsteigen. Zunächst in der Reithalle, geschützt vor allzu vielen Einflüssen und von meiner Reitlehrerin an der sicheren Longe geführt. Und ich lernte, mich in mein Pferd hineinzuversetzen. Seine Bewegungen zu spüren. Zu erahnen, was ihm Angst machen könnte. Und es zu beruhigen, bevor es die Flucht ergriff. Die Stürze wurden seltener, aber es kostete mich noch immer Überwindung, wieder aufzusteigen. Das tut es bis heute. Und dennoch: weitermachen, das ist der einzige Weg. Weil liegenbleiben keine Option ist. Nicht für mich und nicht für mein Pferd.
Und allmählich werde ich sicherer. Wage es, ohne Longe zu reiten. Die Reithalle zu verlassen. Auszureiten und unbekannte Wege zu entdecken. Wege zu mir selbst.
Die Angst ist nur noch Unsicherheit. Weil ich  mittlerweile weiss, dass auch der heftigste Sturz mich nicht lebensbedrohlich verletzen wird. Und ich beginne, meinem Pferd zu vertrauen. Es erschrickt noch immer. Es wird auf ewig in höchstem Masse sensibel bleiben. Und stark. Und schnell.
Wenn ich nun mit ihm durch verschneite Wälder und über endlose Felder galoppiere, dann wird mir bewusst, wie viel Potenzial in meinem Pferd steckt. Wie berauschend und lebendig sich diese Geschwindigkeit anfühlt, wenn ich sie kontrollieren kann.

Leben mit Borderline. Das bedeutet, auf Shadowfax reiten zu lernen. Ohne Zwang und Druck. Aber mit Respekt, mit Wertschätzung, mit Liebe.

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