Vorurteile
"Welch triste Epoche, in der es leichter ist, ein Atom zu zertrümmern als ein Vorurteil."
Albert Einstein
Recht hatte er damals. Und Recht hat er noch heute. Kaum etwas hält sich so hartnäckig wie ein Vorurteil, das sich einmal in den Köpfen der Menschen festgesaugt hat. Wie ein ausgehungerter Blutegel klebt es in den Hirnwindungen, wächst mit jedem Herzschlag, und wird irgendwann so gross, dass es den Durchgang nach draussen versperrt. Da hilft dann auch kein Bitte Fluchtweg freihalten!- Schild mehr. Blutegel können ja im Allgemeinen nicht lesen. Dabei wäre dieser Durchdang so unwahrscheinlich wichtig. Weil er ermöglichen würde, das Vorurteil durch ein Nachurteil zu ersetzen. Und das würde so manchem Borderliner, so manchem Menschen das Leben leichter machen.
Ich hatte in den vergangenen ungefähr vierzehn Jahren, in denen ich immer mal wieder in Therapie war, mit den unterschiedlichsten Menschen und ihren Diagnosen Kontakt. Habe viel darüber gelesen, vom Fachbuch über den Erfahrungsbericht bis zur Belletristik. Habe gewollt und ungewollt gehört, was psychisch Gesunde (oder solche, die sich dafür halten) über psychisch Kranke denken. Und über kein anderes Störungsbild habe ich so viele Vorurteile gehört wie über Borderline.
Manipulativ. Hinterhältig. Beziehungsunfähig. Unkontrollierbar. Eine Belastung für das gesamte Umfeld. Ständig suizidal. Völlig instabil. Gib einem Borderliner den kleinen Finger, und er hackt dir als Dank die Hand ab. Renn weg, so schnell du kannst (dafür brauchst du die Hand ja nicht) - früher oder später wird dich ein Borderliner zerstören. Fertig machen, bis du selbst ein emotionaler Krüppel bist.
Und ich habe mich immer wieder gefragt, wie ein dermassen entsetzliches Bild zustande kommt. Klar, Borderline ist auch und vor allem eine Erkrankung, die sich im zwischenmenschlichen Bereich auswirkt. Und ganz bestimmt ist eine Beziehung jedweder Art zu einem Borderliner nicht immer einfach (welche Beziehung ist das schon?). Und ganz bestimmt gibt es Borderliner, die manipulativ sind. Ihrem Gegenüber mit Suizid drohen, wenn er/sie geht (oder sonst irgendwas Unerwünschtes tut). Die sich absichtlich und sichtbar selbst verletzen, nur, um dem Anderen Schuldgefühle einzuflössen wie der Mastgans den Mais. Es gibt auch diejenigen, die jede Beziehung früher oder später in den Sand setzen. Diejenigen, die ihre Emotionen so absolut gar nicht kontrollieren können, dass es regelmässig zu verbalen oder körperlichen Auseinandersetzungen kommt. Und ganz bestimmt ist es immer wichtig, auch auf sich selbst zu achten.
Aaaber (war klar, dass das kommt, oder?)! Aber das trifft nicht auf alle von uns zu (und auch bei Weitem nicht nur auf Menschen mit psychischen Problemen). Und auf fast niemanden von uns trifft alles zu. Ungünstig ist nur, dass wenige Negativbeispiele ausreichen, um alle Borderliner als seelenfressende Biester zu klassifizieren. Da hilft das Internet natürlich ganz toll. Sich als Betroffene anzutun, was eine gewisse Suchmaschine über Erfahrungen mit Borderline erzählt, begeht emotionale Selbstverletzung. Erschreckend ist das. Traurig. Verletzend. Beängstigend. Bis auf die Knochen entmutigend. Beschämed. Und erniedrigend. Und man fragt sich fast zwangsläufig, ob man wirklich ein solch unzumutbares Monster ist (für das wir uns auch ohne Googleweisheiten schon oft geng halten).
Es ist menschlich, sich den Frust über das Scheitern einer Beziehung von der Seele zu schreiben. Es ist (leider) zeitgemäss, das im Internet zu tun. Aber es löst Kettenreaktionen aus, die wahrscheinlich gar nicht beabsichtigt waren. Einmal angefangen, zieht sich das wie ein Rattenschwanz weiter. Person X wurde von einem Borderliner verlassen, der ständig Streit suchte.
--> Alle Borderliner suchen ständig Streit!
Person Y hat (berechtigt vielleicht) die Notbremse gezogen, weil seine Partnerin zum wiederholten Male mit Suizid gedroht hat.
--> Alle Borderliner drohen mit Suizid, wenn ihnen etwas nicht passt!
Person Z musste ihren Angestellten entlassen, weil er bei einem wichtigen Termin die Nerven verloren und den Kunden angeschrien hat.
--> Alle Borderliner haben sich absolut nicht im Griff!
To be continued.
Da braut sich schneller ein entsetzlich schwarzes Bild zusammen als eine gleichfarbige Gewitterwolke an einem heissen Sommerabend.
So.
Und nun?
Nun würde ich mir wünschen, dass Menschen einander zuhören. Nicht nur die gesprochenen Worte registrieren. Ein Gespräch ist kein Diktat! Denn schädigendes Verhalten geschieht nie grundlos (nichtschädigendes natürlich auch nicht, aber danach fragt ja keiner). Das heisst nicht, dass alles entschuldigt und hingenommen werden muss. Bloss nicht! Wäre zwar fürs Erste oft angenehmer, aber der richtige Weg ist selten mit Komfortzone beschriftet. Also: reden! Miteinander, nicht gegeneinander. Fragen stellen. Und die Antworten wirken lassen. Auch wenn sich nicht alles klären lässt. Auch wenn Distanz und Abgrenzung manchmal das einzig Richtige ist. Gilt übrigens für beide Seiten. Aber das geht auch mit Respekt. Mit Argumenten, die über typisch Borderline hinausgehen.
Also noch einmal, damit es auch ganz bestimmt die Blutegelarmee passieren kann: Zuhören. Dem Gegenüber und auch sich selbst. Gilt für Angehörige und Betroffene gleichermassen. Das ist harte Arbeit. Das tut ganz schön weh. Immer wieder. Als würde man jeden Morgen mit dem kleinen Zeh gegen den Bettpfosten knallen, obwohl man eigentlich wissen müsste, dass er da ist. Der Pfosten. Der Zeh natürlich auch. Das bedeutet knallharte Ehrlichkeit mit sich selbst. Anmerkung der Redaktion: Ehrlichkeit, nicht Selbstabwertung! Jeder Mensch, ob Borderliner oder nicht, hat das Recht, sich selbst zu schützen. Wir müssen unsere Zeit nicht mit Menschen verbringen, die uns nicht gut tun (gut, jedenfalls nicht in der Freizeit).
Was wir Betroffenen leider müssen: uns mit den Vorurteilen auseinandersetzen. Weil wir sie zu hören, zu lesen und zu spüren bekommen, ob wir wollen oder nicht. Ich habe selbst erlebt, wie eine Freundschaft daran zerbrochen ist. Das hat wehgetan. Sehr sogar. Weil ich es von dieser Freundin am allerwenigsten erwartet hätte. Aber eine Freundin, die in mir mehr Diagnose als Mensch sieht, tut mir auf Dauer nicht gut. Vielleicht habe auch ich ihr nicht gut getan. Oder meine Diagnose. Aber absichtlich verletzt habe ich sie nicht, das weiss ich. Für diese Erkenntnis war übrigens die bereits erwähnte radikale Ehrlichkeit nötig. Ich referiere ja nicht über Werkzeuge, die ich selbst nicht verwende.
Ich kann niemandem die Blutegel aus den Hirnwindungen schneiden. Aber ich wünsche mir, ihnen ein wenig die Saugkraft nehmen zu können. Indem ich offen mit meiner Diagnose umgehe. Darüber spreche. Fragen beantworte, wenn sie ernstgemeint und respektvoll gestellt sind. Das ist ein bisschen wie mit fremden Kulturen und Religionen: Wir haben oft Angst davor, weil wir sie nicht selbst kennenlernen. Auch mir hat Borderline Angst gemacht. Aber (ausser mir selbst) hat mir nie ein Borderliner Angst gemacht. Das ist der Unterschied. Die Diagnose mag bedrohlich wirken (nicht zuletzt wegen der vielen Vorurteile - der Kreis schliesst sich), aber die allerwenigsten, die diese Diagnose haben, sind eine Bedrohung. Und wenn doch und sonst nichts mehr hilft: weggehen. Aber, und darum möchte ich wirklich bitten, leise. Nicht schweigend, natürlich darf und soll Erlebtes besprochen und verarbeitet werden. Nur vielleicht nicht im Internet und unter dem Der Bordi ist Schuld-Deckmantel. Ohne Blutegel im Hirn denkt sich's auf Dauer besser. Versprochen.