Wetterwechsel
Es gibt Tage, da fühle ich mich von meinem inneren Wetter ziemlich überrumpelt. Heute zum Beispiel. Und weil das emotional betrachtet ein typischer Borderlinetag war und damit ziemlich wechselhaft, schnappe ich ihn mir, bevor er vorbei ist, und mache was draus. Diesen Beitrag hier.
Morgens: alles ruhig. Angenehm. Die Sonne strahlt, als ich eine ganz wunderbare Mail bekomme.
Mittags: Freude wird zur Euphorie. Zu viele und zu schnelle Gedanken. Ideen, die ich sofort umsetzen will (Geduld war noch nie meine Stärke). Schreiben. Bilder, die ich zeichnen muss. Pläne für die nahe und mittelfristige Zukunft. Ganz viel inneres Müssen, das die Sicht zum Himmel versperrt (also sky, nicht heaven natürlich. Wieso gibt es im Deutschen eigentlich nur ein Wort dafür?).
Früher Nachmittag: Wind zieht auf. Isländischer Wind. Heisst für Festlandeuropäer: Sturm, beissend, kalt, heftig. Glück gehabt, dass die Bäume hier noch stehen. An Knöchelhohen Sträuchern kann man sich schlecht festhalten (was tut ein Isländer, der sich im Wald verirrt? Aufstehen.). Ich muss jetzt schreiben. Ich muss jetzt das Haus verlassen, weil ich einen Termin habe. Ganz, ganz mieses Timing.
Nachmittag. Regen in mir. Plötzlich und ohne Vorwarnung. Ich habe keine Jacke dabei. Friere. Zittere. Tränen, mitten in der Stadt und zwischen all den fremden Menschen, an denen der Wetterumschwung vorbeizieht. Während ich mitten drin stehe. Seit Monaten zum ersten Mal wieder ein altbekannter Gedanke: Ich könnte mir einen Schirm kaufen. In Form von Lebensmitteln. Nicht viele. Nur eine Kugel Eis. Oder zwei. Drei vielleicht. Weil Sommer ist. In der Waffel.
Vorabend: Zeit, zu schreiben. Schön. Eigentlich. Wenn der Regen nicht die Motivation weggespült hätte. Und die Ideen. Die Gedanken. Ich will jetzt unbedingt schreiben. Ich will müssen. Es muss doch... Nein. Moment mal. Muss es nicht. Stattdessen: endlich den Blick nach innen richten. Die Wetterkarte spüren. Der Regen hat aufgehört. Aber ganz weit hinten bahnt sich ein Gewitter an. Also: Vorsicht! Zur Ruhe kommen. Mich auf den Balkon setzen, an meiner Rose riechen, mich an ihrer anmutigen Schönheit erfreuen. Genau im richtigen Moment kommt eine Nachricht, über die ich unheimlich lachen muss. Von einem Menschen, mit dem ich schon sehr, sehr oft gelacht habe.
Abend: Die Sonne ist wieder da. Es ist warm draussen, aber die Hitze erdrückt mich nicht mehr. Ich kann wieder atmen. Und, ganz offensichtlich, schreiben.
Borderlinetage. Meteorologie für Forgeschrittene.
Ich habe übrigens kein Eis gekauft. Bewusst nicht. Nicht, weil ich Eis nicht mag oder die Kalorien darin noch immer fürchte. Sondern weil ich nicht Lust darauf, sondern Heisshunger danach hatte. Weil es dazu gedient hätte, mich für einen Moment abzuschalten. Nur hört der Regen nicht auf, bloss weil man sich unter einen Schirm stellt. Auch wenn es unangenehm ist: Auf Dauer habe ich mehr davon, auch mal nass zu werden. Und immer wieder zu erfahren, dass ich es aushalte. Dass es sein darf, weil es zu mir gehört. Regen macht schön.